Mindful Leadership – wie Chefs achtsam führen und kommunizieren (von Rainer Paszek)  

Eine der brennendsten Fragen vieler Führungskräfte lautet in diesen Zeiten: Wie kann ich in diesem, von sehr rascher Veränderung und einer hohen Unsicherheit geprägten Umfeld

  1. als Top-Entscheider und -Manager in dem mir anvertrauten Bereich meine Handlungsfähigkeit bewahren,
  2. als Führungskraft meine Mitarbeiter durch den Dschungel der Veränderungen führen und zugleich
  3. als Individuum mir meine Freude an meinem Job bewahren und unter anderem im Mitarbeiterkontakt die nötige Zuversicht und Gelassenheit ausstrahlen?

Eine erhöhte Achtsamkeit ist gefragt

So unterschiedlich die Antworten im Einzelfall abhängig von der Person und Ist-Situation auf diese Frage auch sein mögen; ein Faktor ist für das Bewältigen der hinter ihr stehenden Herausforderungen unabdingbar: eine erhöhte Achtsamkeit beim Führen der eigenen Person sowie der Mitarbeiter -auch Mindful Leadership genannt.

„Mindfulness“, also Achtsamkeit, ist eine besondere Form der Konzentration, bei der man bewusst wahrnimmt, was im Moment ist und geschieht  und zwar ohne dies zunächst zu beurteilen. Ein Vordenker in diesem Bereich war Jon Kabat-Zinn, ein emeritierter Professor der University of Massachusetts Medical School in Worcester. Er entwickelte mit seinem Team in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Trainingsprogramm namens „Mindfulness Based Stress Reduction“, um nachhaltig besser mit Stress und den Herausforderungen im beruflichen und privaten Leben umzugehen.

Das Führungsverhalten verschärft reflektieren

Im Zentrum des Programms steht eine Entwicklung der Selbststeuerungsfähigkeit durch eine erhöhte und sensiblere Wahrnehmung von sich selbst. Sie ermöglicht es, unbewusst wirkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster in sich zu erkennen und bei Bedarf außer Kraft zu setzen – also eingeübte und antrainierte Reiz-Reaktionsmuster zu durchbrechen, denn: Durch diese Form des Bewusstseins-Managements vergeht zwischen dem jeweiligen externen Reiz und unserer Reaktion auf diesen eine kleine Zeitspanne. In ihr können wir unsere Antwort beziehungsweise Reaktion auf den Reiz bewusst wählen. Die achtsame Wahrnehmung dieses inneren Prozesses ermöglicht es somit, unser Empfinden und Verhalten zu steuern.

Dies ist gerade in Krisen- und Marktumbruchsituationen wie den aktuellen beim Führen von Mitarbeitern extrem wichtig, denn in ihnen sind auch diese oft hochgradig verunsichert und teils auch beruflich und privat extrem belastet. Deshalb achten sie auch stärker als in normalen Zeiten auf die Reaktionen, das Verhalten und die Aussagen ihrer Führungskräfte und versuchen hieraus, Antworten auf solche Fragen abzuleiten wie: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wie viel Vertrauen schenkt mir mein Chef noch? Wie loyal ist er uns gegenüber, seinen Mitarbeitern?

Sich der Wirkungen des Verhaltens bewusst sein

Deshalb kann ein Verhalten, das in normalen Zeiten durchaus zielführend und angemessen ist, in Krisen- und Marktumbruchsituationen extrem negative Wirkungen haben. Also müssen Führungskräfte in ihnen ihr Verhalten verschärft reflektieren und gegebenenfalls neu justieren. Allein fällt dies Führungskräften gerade in Zeiten, in denen selbst unter Druck stehen, oft schwer. Deshalb sollten Unternehmen gerade dann erwägen, ihren Führungskräften einen Coach als Sparringpartner zur Seite zu stellen.

Unabhängig von der aktuellen Ist-Situation bietet ein Steigern der Achtsamkeit ihrer Führungskräfte Unternehmen jedoch vielversprechende Möglichkeiten. Untersuchungen zeigen: Durch ein Mindful Leadership können Führungsaufgaben authentischer und erfolgreicher wahrgenommen werden.

Ein wenig selbst-reflektives und sich seiner negativen (Neben-)Wirkungen nicht bewusstes Führungsverhalten verursacht für Unternehmen oft hohe Kosten. Studien belegen unter anderem seinen negativen Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter, deren Produktivität sowie Fehlzeiten und Fluktuation.

Mindful Leadership hat viele positive Effekte

Durch ein achtsamkeit-basiertes Leadership-Programm können hingegen bezogen auf die Führungskräfte folgende positiven Wirkungen erzielt werden:

  1. Konzentrationsfähigkeit und Kreativität steigen,
  2. Aufbau nachhaltiger Stressbewältigungsstrategien,
  3. verbesserte Selbst- und Fremdwahrnehmung,
  4. Ausbau wichtiger Führungskompetenzen (wie Empathie, Emotionale Intelligenz, Entscheidungsfähigkeit),
  5. flexiblerer Umgang mit (neuen) Herausforderungen, höhere Changekompetenz.

Hieraus resultieren wiederum für die Unternehmen  folgende positiven Effekte:

  1. höhere Produktivität aufgrund effektiverer Führungsarbeit,
  2. höhere Motivation und Zufriedenheit im Team,
  3. weniger krankheitsbedingte Fehltage,
  4. qualitativ höherwertige (Projekt-)Arbeit durch ein vernetzteres Denken und Handeln,
  5. höhere Arbeitsidentifikation aufgrund eines mitarbeiterorientierten Betriebsklimas.

Durch ein Mindful Leadership-Programm kann folglich nicht nur das Stresslevel der Führungskräfte gesenkt, sondern auch der Unternehmenserfolg gesteigert werden – auch weil eine erhöhte Mindfulness es den Führungskräften ermöglicht, herausfordernde Situationen neu wahrzunehmen und (mit ihren Mitarbeitern) kreativere Problemlösungen zu finden.

Die Kompetenz zu Selbstführung trainieren

Die Basis für eine achtsame Führung ist eine bewusste Selbstführung. So kennen achtsame Führungskräfte zum Beispiel ihre Werte, Einstellungen und Motive. Deshalb wissen sie auch, warum sie gerade in Stress-Situationen zu gewissen Reaktionen neigen. Also können sie auch ihr Verhalten steuern.

Das dahinter stehende „Selbst-Bewusstsein“ fällt nicht vom Himmel. Es erfordert vielmehr Zeit, der Bereitschaft, sich zu verändern beziehungsweise zu entwickeln sowie ein regelmäßiges Üben. Für Führungskräfte bedeutet dies konkret: Sie sollten zum Beispiel täglich circa 20 Minuten in sich und ihre Entwicklung investieren und die eigene Achtsamkeit beispielsweise durch Meditation trainieren – gerade in Zeiten wie den aktuellen.

Dieser Beitrag ist erschienen in: versicherungsmagazin.de, 4. August 2020

 

Rainer Paszek ist für das ICO als Berater, Trainer, Coach und Mediator mit den Schwerpunkten Führungstrainings, Achtsamkeit, Konfliktmanagement, Teamentwicklung und Teamcoaching, Coaching in Krisen- und Übergangssituationen seit vielen Jahren in Profit- und Non-Profit-Organisationen tätig.

 

 

 

 

Machtworte – ein Beitrag von Theresia Volk

Einfach nicht mitmachen bei all den Machtspielchen? Um im eigenen Arbeitsfeld wirksam zu werden ist es unabdingbar, Macht zu analysieren und Machtkompetenz aufzubauen. Wie das seriös gelingen kann, beschreibt Theresia Volk in ihrem Beitrag.

  • „Es geht immer nur um Macht. Mit meinen inhaltlichen Anliegen dringe ich gar nicht mehr durch.“
  • „Diese Machtkämpfe verhindern jede Entwicklung, die setzen noch das Überleben der Einrichtung aufs Spiel.“
  • „Es ist absurd, was da jetzt als Kompromiss ausgehandelt wurde, bar jeder Vernunft.“
  • „Da müsste mal jemand ein Machtwort sprechen. So kann es nicht weitergehen.“
  • „Ich weiß wirklich nicht, wie der es geschafft hat, an diese Position zu kommen – mit Sachkenntnis jedenfalls nicht.“
  • „Ich sehe gar nicht ein, warum ich hier wieder den Kürzeren ziehen soll. Dieses Mal nicht!“
  • „Ober sticht Unter.“
  • „Wenn du dich immer brav an die Regeln hältst, kannst du vielleicht mitspielen, aber du wirst nie als Gewinnerin vom Feld gehen.“
  • ,Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles“, sagt schon Rilke.“
  • „Eigentlich will ich gar nicht mitmachen bei diesen Machtspielchen.“
  • „Als Beraterin bin ich da eh außen vor.“
  • „Wenn du dich da mal nicht täuschst!“

Beziehung vor Sache: Ein Paradigmenwechsel

Die Regelwelt, an die wir im Kontext von Arbeitswelt, Beruf und Unternehmen denken, ist die der Sachlogik. Unternehmen – zumal im privatwirtschaftlichen Sektor – gelten nach wie vor als Hort der Rationalität, in denen zählt, was funktioniert, und in denen die Grundrechenarten die verlässliche Basis aller Entscheidungen sind. Menschliches, Emotionales und andere Irrationalitäten sind etwas fürs private Glück oder Leid. Im Büro hat die Objektivität Priorität.

Nach wie vor hält sich der Irrglaube, dass das sachlich bessere Argument auch das ausschlaggebende sein müsse. Und dass ein Fehler vorliege, wenn das bessere Argument nicht zieht. Was aber verhältnismäßig häufig vorkommt. So sind die Beschwerden laut, wenn ganz offensichtlich eine andere Ebene, eine nicht-sachliche, zum Vorschein kommt: „Macht“.

Dieser Einsatz für seine persönlichen (unsachlichen) Interessen ist keineswegs eine Ausnahme, sondern die Regel. Das hat Gründe. Dass und wie diese Ebene konkret funktioniert, wird wenig thematisiert und beleuchtet. Der Ärger stößt immer wieder auf, aber die Reflexion darüber oder gar ein kundiger und selbstbewusster Umgang mit der Macht und den Macht-„Habern“ ist selten. Meist wird auf den vorhandenen Instinkt verwiesen, den man und frau habe oder eben nicht. Oder es ist die Rede von fiesen Machenschaften am Rande der Legalität, die gestoppt werden müssten, und auf die sich niemand, der seriös arbeitet und auf ethische Integrität Wert legt, einlassen darf. Dass selten nüchtern (sachlich!) über Macht und ihre Hintergründe, ihre Funktionsweise gesprochen wird, ist selbst schon ein machtpolitisches Phänomen und hat vielerlei Gründe, wie sich zeigen wird.

Einer davon ist: Machtpolitik wird gelebt, aber nicht gelehrt; gelehrt wird ausschließlich Fachwissen. Jede Ausbildung, jedes Studium, jeder Berufseinstieg beginnt mit der Vermittlung der fachlichen, der professionellen Kenntnisse und Fertigkeiten. Wie versorge ich eine Wunde medizinisch korrekt? Wie programmiere ich eine fehlerfreie Software für einen Rasenmäher? Wie unterrichte ich didaktisch fundiert eine Fremdsprache? Wie fälle ich sicher einen Baum?

Das ist die erste Logik, auf die wir uns in der Arbeitswelt beziehen; und es scheint, sie bleibt lange prägend. Auf dieser ersten Ebene geht es darum, Sachen zu fertigen und Lösungen zu entwickeln. Hier zählen die beste Idee, die funktioniert, und das notwendige Know-how, sie zu entwerfen und zu bauen. Hierauf zielt die weitverbreitete Sehnsucht unter Beschäftigten, wenn sie einfach nur in Ruhe arbeiten wollen. Der Lohn der Mühe sind ein konkretes Ergebnis und die Erfahrung von Wirksamkeit.

Die zweite Lektion, die gelernt und gelehrt wird, führt weg von der einfachen Arbeitsebene – und sei diese noch so anspruchsvoll – hin zur Koordination derselben. Auf dieser Ebene wird Komplexität gemanagt, werden Prozesse gesteuert, synchronisiert, standardisiert oder überhaupt erst einmal definiert. (Multi-)Projekte werden aufgesetzt, Roadmaps angelegt und nachgehalten. Hier tauchen die ersten und bekannten Dilemmata auf, die nicht mit dem erworbenen Fachwissen der ersten Ebene gelöst werden können: zwischen Qualität und Kosten, zwischen Deadline und Änderungsanforderung, zwischen Erwartungs-, Informations- und Kontrollmanagement.

Interessen sind grund-legend

Der entscheidende Paradigmenwechsel führt nun aber zu einer weiteren, nämlich zur politischen, zur machtpolitischen Ebene: Es geht darum, Menschen zu überzeugen, Macht und Machtspiele zu gewinnen, sich und seine Ideen gegen Konkurrenz durchzusetzen.

Hier beginnt der Bereich der Interessen, der Bedürfnisse und Ängste von Menschen. Der wird nicht gelehrt, sondern erfahren. Oft als störend, als notwendiges Übel – als etwas Uneigentliches. Es ist erstaunlich, wie selbst erfahrene Führungskräfte diese machtpolitische Dimension im alltäglichen Business erstens immer wieder übersehen, zweitens lange versuchen, sie zu ignorieren oder drittens sie zu verharmlosen: als das störende „Zwischenmenschliche“, welches die Sache, das Eigentliche, immer mal wieder ins Stocken bringt. Auch die Rede von den Macht-Spielen, die da gespielt werden, verweist auf den Bereich des Unernstes, der unangemessen sei für seriöses Arbeiten.

Faktisch dürfen wir diese Ebene nicht nur nicht vergessen oder verniedlichen, sondern müssen das Ranking komplett umdrehen. Die Berufswelt steht mitnichten auf dem Sachfundament, sondern ihre Basis ist die soziale Ebene, auf der Menschen sich überzeugen, gewinnen, verführen und losschicken lassen, etwas zu tun oder zu erlauben. Dort, wo Macht über Menschen und der Einfluss auf sie die Motoren und Gestaltungsgrößen sind. Macht verstehe ich hier in einem ganz allgemeinen Sinn als „das Hervorbringen beabsichtigter Wirkungen“, wie Bertrand Russell treffend formulierte („power may be defined as the production of intended effects“ (Russell, 1938/1947, S. 32).

Das Buch „Spielen, um zu gewinnen“ handelt von der Macht über Menschen, wohlwissend, dass die Macht über die Materie durch die enormen Schritte in Wissenschaft und Technik die moderne Gesellschaft erst zu dem gemacht hat, was sie ist – und sie natürlich noch weiter prägen und verändern wird. Die Macht aber, derer es bedarf, um Menschen zu bewegen, zu inspirieren, zu begrenzen, ist von anderer Art; sie führt auf die Ebene der persönlichen Interessen. Und diese sind grundlegend. Sie legen den Grund für alles Weitere, was in der Arbeitswelt passiert.

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Auszug aus: Spielen, um zu gewinnen: Macht und Wirksamkeit in Organisationen (Beraten in der Arbeitswelt)

Theresia Volk berät Top-Manager aus ersten Adressen in Industrie und Dienstleistung. Als persönliche Beraterin, Workshop-Leiterin und konzeptionelle Ideengeberin begleitet sie Personen und Unternehmen bei ihren Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen. Mehr als die Hälfte der Dax-Unternehmen gehört zu ihrem Kundenkreis, Beratungsorganisationen ebenso wie innovative Mittelständler. Auf Augenhöhe mit Entscheidern stärkt sie deren strategische und persönliche Wirkungskraft. Als Autorin und Rednerin setzt sie nachhaltige Impulse in aktuellen Fragen der Arbeitswelt. 2011 war sie nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

 

 

 

 

 

 

 

 

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