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Der Raum zwischen Reiz und Reaktion: Wie systemisches Coaching die Handlungsfähigkeit im Stress erhöht

In einer Arbeitswelt, die von hoher Taktung, ständiger Erreichbarkeit und komplexen Dynamiken geprägt ist, fühlen wir uns oft wie Getriebene. Ein kritischer Kommentar in der Videokonferenz, eine dringende Deadline-Verschiebung oder ein konfliktbehaftetes Teamgespräch – wir reagieren oft sofort. Meist aus einem Reflex heraus: defensiv, rechtfertigend oder gestresst.

Ein Viktor Frankl zugeschriebener Gedanke bietet hier einen radikalen Gegenentwurf:

„Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht zur Wahl unserer Reaktion. In unserer Reaktion liegen unsere Entwicklung und unsere Freiheit.“

Doch wie betreten wir diesen Raum, wenn der Stresspegel steigt? Hier setzt das systemische Coaching an.

Der Autopilot: Wenn das System auf „Überleben“ schaltet

Biologisch gesehen ist unsere prompte Reaktion oft ein Erbe der Evolution. Bei Stress übernimmt das limbische System die Regie – wir verfallen in Kampf, Flucht oder Erstarrung. Im Arbeitsalltag bedeutet das: Wir schreiben eine aggressive E-Mail zurück (Kampf), ziehen uns innerlich aus Projekten zurück (Flucht) oder blockieren bei Entscheidungen (Erstarrung).

Das Problem: Wir reagieren nicht auf die Realität, sondern auf unsere Konstruktion der Realität. Wir sehen den Reiz, aber nicht die Möglichkeiten.

Systemisches Coaching als „Raum-Vergrößerer“

Systemisches Coaching zielt darauf ab, diesen oft nur Millisekunden kurzen Moment zwischen Reiz und Reaktion zu dehnen. Es geht darum, die eigene Beobachterrolle zu stärken. Anstatt Teil des Problems zu bleiben, treten wir einen Schritt zur Seite.

Wie genau hilft die systemische Arbeit dabei?

  1. Vom „Warum“ zum „Wozu“ (Reframing):

    Anstatt uns zu fragen: „Warum stresst mich dieser Kollege/diese Kollegin so?“, fragen wir im Coaching: „Wozu dient meine aktuelle Reaktion? Was versuche ich zu schützen?“ Durch diesen Perspektivwechsel verwandelt sich ein nerviger Reiz in eine Information über eigene Werte und Bedürfnisse.

  2. Die Unterbrechung von Mustern:

    Systeme (auch innere Systeme) lieben Vorhersehbarkeit. Systemisches Coaching nutzt Interventionen wie zirkuläres Fragen, um eingefahrene Reaktionsmuster zu stören. Wer sich fragt: „Was würde mein Chef/meine Chefin wohl sagen, wenn ich jetzt gelassen bliebe?“, schafft sich im Kopf bereits den Raum für eine alternative Handlung.

  3. Die Macht der Wahl (Selbstwirksamkeit):

    Im Coaching erarbeiten wir Handlungsalternativen. Wenn ich erkenne, dass ich nicht reagieren muss, sondern wählen kann, kehrt die Souveränität zurück. Das Gefühl der Ohnmacht verschwindet.

Praxis-Tipp: Den Raum im Alltag finden

Wie können Sie diesen Raum heute noch nutzen?

  • Die „Heilige Sekunde“: Wenn ein Reiz (z. B. eine provokante Frage) auftaucht, atmen Sie einmal tief durch, bevor Sie das Wort ergreifen. Diese physiologische Pause signalisiert Ihrem Gehirn Sicherheit.
  • Die Beobachter-Perspektive: Stellen Sie sich kurz vor, Sie säßen an der Decke des Raumes und beobachteten die Szene von oben. Was sieht der neutrale Beobachter?

Fazit: Freiheit ist eine Kompetenz

Handlungsfähigkeit im Stress ist kein Charakterzug, sondern eine systemische Kompetenz. Wer lernt, den Raum zwischen Reiz und Reaktion bewusst zu gestalten, führt nicht nur gesünder, sondern auch effektiver.

Im ICO Institut begleiten wir Menschen dabei, genau diese Freiheit (wieder) zu entdecken – in unseren Coachings und in der zertifizierten Ausbildung zum Systemischen Berater & Coach. Denn wahre Souveränität beginnt dort, wo wir aufhören zu funktionieren und anfangen zu wählen.