Selbstmanagement: Vorsätze für 2021 fassen – und umsetzen

Zum Jahreswechsel fassen alljährlich viele Menschen gute Vorsätze. Doch kurze Zeit später sind sie meist wieder passe. Rainer Paszek, seit vielen Jahren als Trainer, Führungskräfte- und Teamentwickler bei ICO, erklärt, wie es 2021 gelingt die gefassten Vorsätze auch langfristig umzusetzen.

Natürlich fassen wir, wie so oft und erst recht am Ende des Corona-Jahres gute Vorsätze: Mehr wertvolle Zeit mit Freunden, ein Karriereschritt, weniger Stress sowieso. Der Trick, damit die Vorsätze nicht im Februar schon wieder vergessen sind: Sie müssen in einer Lebensvision verankert sein.

Ziehe ich der Karriere wegen von München nach Hamburg oder sind mir meine Freunde wichtiger? Spare ich 200 Euro pro Monat fürs Alter oder fliege ich nach Hawaii? Will ich mit meinem Partner Kinder haben oder ist mir meine Unabhängigkeit wichtiger? Vor solchen Fragen, bei denen wir uns entscheiden müssen, stehen wir in unserem Leben oft. Denn es ist eine Illusion anzunehmen, alles sei zugleich möglich.

Ja sagen, heißt stets auch Nein sagen

Sich zu entscheiden, fällt vielen Menschen schwer. Denn: Wenn wir uns für etwas entscheiden, müssen wir andere Möglichkeiten verwerfen. Das können wir nur, wenn wir wissen, was uns wichtig ist. Sonst fassen wir zwar viele Vorsätze, doch wenige Tage später sind sie vergessen. Denn unsere Vorsätze sind nicht in einer Lebensvision verankert.

Hinzu kommt: Was in unserem Leben wirklich wichtig ist, ist nie dringend. Es ist zum Beispiel nie dringend, joggen zu gehen. Es wäre aber gut für unsere Gesundheit. Und es ist nie dringend, sich Zeit für ein Gespräch mit dem Partner zu nehmen. Es wäre aber wichtig für die Beziehung.

Weil die wirklich wichtigen Dinge nie dringend sind, schieben wir sie oft vor uns her. Oder wir hegen die Illusion: Wenn ich alles schneller erledige, habe ich auch dafür Zeit. Die einzige Konsequenz: Wir führen ein Leben im High-Speed-Tempo. Und irgendwann stellen wir resigniert fest: Nun führe ich zwar ein (noch) ge-füllteres Leben, aber kein er-fülltes Leben.

Herausforderung: Die Balance im Leben wahren

Eine solche Schieflage ist kein Einzelschicksal. Immer mehr Menschen plagt das Gefühl: Mein Leben ist nicht im Lot. Das war schon vor dem Ausbruch der Corona-Pandemie so. Eine Ursache hierfür ist: Bezogen auf ihre berufliche Laufbahn haben die meisten Menschen eine klare Perspektive.  Anders sieht es in den Lebensbereichen „Sinn/Kultur“, „Körper/Gesundheit“ und „Familie/Beziehung“ aus. Hier fehlen ihnen häufig klare Ziele.

In der Alltagshektik übersehen wir zudem oft, dass die vier Lebensbereiche in einer Wechselbeziehung stehen. Deshalb verliert, wer zum Beispiel den Bereich „Arbeit/Beruf“ längerfristig überbetont, auf Dauer neben seiner Lebensfreude, auch seine Leistungskraft. Denn:
•    Wer krank ist, kann weder sein Leben in vollen Zügen genießen, noch ist er voller Leistungskraft.
•    Wer einsam ist, ist weder „quietsch-vergnügt“, noch kann er seine volle Energie auf seinen Job verwenden.
•    Wer in einer Sinnkrise steckt, ist weder lebensfroh, noch sehr leistungsfähig. Denn hinter allem Tun steht die Frage: Was soll das Ganze?

Damit wir ein erfülltes Leben führen, müssen wir also für die rechte Balance zwischen den vier Lebensbereichen sorgen. Hierfür benötigen wir eine Vision unseres künftigen Lebens. Diese brauchen wir auch, weil heute viele Anforderungen an uns gestellt werden, die sich nur bedingt miteinander vereinbaren lassen. Das werden fast alle berufstätigen Mütter und Väter sofort bestätigen.

So sind zum Beispiel in den meisten höher qualifizierten Jobs unregelmäßige Arbeitszeiten normal. Zumindest für alleinerziehende Mütter und Väter bedeutet dies: Sie können nicht mehr täglich beispielsweise Punkt 16 Uhr das Büro verlassen. Was sollen sie also tun, wenn der Kindergarten um 16 Uhr schließt? Noch ein Beispiel: Vielen Vertriebsmitarbeitern von Unternehmen fällt es zunehmend schwer, regelmäßige private Termine wahrzunehmen. Denn immer wieder dauert ein Kundentermin länger als geplant. Also sind (Interessen-)Konflikte vorprogrammiert.

Herausforderung: das eigene Leben managen

Hieraus resultiert eine weitere Herausforderung: Wir müssen sozusagen Manager unseres eigenen Lebens werden – also Personen, die durch ihr heutiges Handeln dafür sorgen, dass sie auch künftig ein glückliches und erfülltes Leben führen. Der erste Schritt hierzu besteht darin, dass wir eine Vision von unserem künftigen Leben entwickeln. Setzen Sie sich deshalb zum Beispiel zwischen den Jahren oder am Neujahrsmorgen hin und fragen Sie sich bezogen auf die vier Lebensbereiche:

  • Was ist mir wirklich wichtig?
  • Worin zeigt sich für mich ein erfülltes Leben? Und:
  • Was sollte ich heute tun, damit ich auch in Zukunft ein glückliches Leben führe?

Fragen Sie sich zudem (regelmäßig): Gibt es in meinem Lebensumfeld Anzeichen dafür, dass künftig die Balance in meinem Leben bedroht sein könnte? Das ist gerade in den aktuellen Corona-Zeiten extrem wichtig, da sich in ihnen in unserem Lebensumfeld so viel ändert.

Solche Warnsignale können sein:

  • Zwischen Ihnen und Ihrem Lebenspartner herrscht zunehmend Schweigen. Auch wichtige Freunde melden sich nicht mehr.
  • In Ihrem Betrieb lautet die oberste Maxime plötzlich „Sparen“.
  • Sie fragen sich immer häufiger: Was soll das Ganze?
  • Sie spüren ab und zu ein Stechen in der Herzgegend.

Heute die Basis für ein erfülltes Leben morgen schaffen

Haben Sie diese Fragen für sich beantwortet, dann können Sie konkrete Vorsätze fassen und einen Maßnahmenplan entwerfen, wie Sie diese realisieren. Und zwar ohne dass die Gefahr besteht, dass Sie Ihre Vorsätze schon wieder vergessen haben, kaum sind die Silvesterraketen verglüht. Denn Ihre Vorsätze sind nun in einer Vision von Ihrem künftigen Leben verankert.

Schöne Weihnachtstage, Zuversicht & ein frohes, gesundes und friedvolles Jahr 2021

Was für ein Jahr – für uns und für viele von Ihnen.

Ein Dankeschön an unsere Kund*innen & Partner*innen für all die Unterstützung, Flexibilität, Geduld und die viele Wertschätzung, die uns entgegengebracht wurde.

Auch in diesem herausfordernden Jahr werden wir – statt Weihnachtskarten und Geschenken – wieder Projekte unterstützen, die uns am Herzen liegen.

Die Auswahl fiel uns diesmal noch schwerer als sonst – es gibt so viele Initiativen aus dem kulturellen und sozialen Bereich, die durch die Pandemie schwer gebeutelt sind.

Wir spenden insgesamt 2.000,-€ an

  • die Augsburger Hospiz- und Palliativversorgung
  • „einsmehr e.V.“, eine Initiative von Eltern aus dem Raum Augsburg, deren Kinder die genetische Besonderheit „Down-Syndrom“ haben.
  • raumpflegekultur, einen Augsburger Verein, der Leerstand mit Kultur, Kunst & Musik belebt.
  • den Krümelhof in Augsburg, der mit tiergestützter Pädagogik, Reittherapie, Ferienmaßnahmen, Traumatherapie, Besuchen (in Kindergärten, Seniorenheimen etc.) eine tolle Arbeit leistet.

Wir möchten mit unseren Spenden einen Beitrag für diese wichtigen Initiativen leisten und hoffen, dass Sie sich gemeinsam mit uns darüber freuen.

Wir wünschen Euch & Ihnen schöne Weihnachtstage, Zeit zum Durchschnaufen, Zuversicht & ein frohes, gesundes und friedvolles Jahr 2021

Prof. Dr. Andreas Bergknapp, Dr. Sabine Lederle & das gesamte ICO-Team

Aktuelle Infos zu unseren Präsenzveranstaltungen

Mehrere Bundesländer haben aufgrund aktueller Covid-19 Infektionszahlen Beherbergungsverbote ausgesprochen. In der Regel ist die Teilnahme an unseren Veranstaltungen als auch die Veranstaltung selbst von Beherbergungsverboten nicht betroffen, weil unsere Weiterbildungen in einem beruflichen Kontext stattfinden.
In allen Bundesländern ist außerdem in jedem Fall eine Beherbergung uneingeschränkt möglich, sofern Sie einen negativen Covid-19 Test vorweisen können, der nicht älter als 48 Stunden ist. Alle Veranstaltungen an allen Seminarorten finden weiterhin uneingeschränkt statt.


Selbstverständlich werden alle gesetzlich vorgeschriebenen Schutz- und Hygienemaßnahmen zusammen mit den Tagungshotels sowie unseren Trainer*innen umgesetzt:

  • Veranstaltungsräume: Die Raumgrößen erlauben die Einhaltung des Sicherheitsabstandes von mindestens 1,5 Metern.
  • Lüften: Es wird regelmäßig ausgiebig durchgelüftet.
  • Veranstaltungsort: Ein gastronomisches Konzept gewährleistet, dass auch die Kaffeepausen und Mahlzeiten den Auflagen entsprechend eingenommen werden können.
  • Hygiene: Ausreichend Desinfektionsmittel steht zur Verfügung. Erhöhte Hygienestandards in den Hotels (z. B. erhöhte Reinigungsfrequenzen).

Wir stehen mit unseren Trainer*innen und den Seminarhotels in engem Austausch, informieren uns täglich über die aktuellen Regelungen und beobachten die Situation sehr wachsam.

Sicher buchen

Sie können unbesorgt und risikofrei heute schon Ihr Wunsch-Seminar buchen:

  • Sollten behördlich angeordnete Beschränkungen für Reisen, Veranstaltungen o.ä. Ihre Teilnahme verhindern, buchen wir Sie selbstverständlich kostenlos um.
  • Falls persönliche Gründe einen Seminarbesuch verhindern, sichern wir Ihnen die Flexibilität auch sehr kurzfristig (gegen eine Bearbeitungsgebühr) auf einen Alternativtermin umbuchen zu können:
    Bei einer Umbuchung (nur einmalig möglich; nicht bei Ausbildungen) erheben wir folgende Bearbeitungsgebühren:
    • Umbuchung bis 4 Wochen vor Veranstaltungsbeginn: kostenlos
    • Umbuchung ab 4 Wochen vor Veranstaltungsbeginn: € 150,- zzgl. MwSt. (€ 178,50 inkl. MwSt.)

Mindful Leadership – wie Chefs achtsam führen und kommunizieren

Eine der brennendsten Fragen vieler Führungskräfte lautet in diesen Zeiten: Wie kann ich in diesem, von sehr rascher Veränderung und einer hohen Unsicherheit geprägten Umfeld

  1. als Top-Entscheider und -Manager in dem mir anvertrauten Bereich meine Handlungsfähigkeit bewahren,
  2. als Führungskraft meine Mitarbeiter durch den Dschungel der Veränderungen führen und zugleich
  3. als Individuum mir meine Freude an meinem Job bewahren und unter anderem im Mitarbeiterkontakt die nötige Zuversicht und Gelassenheit ausstrahlen?

Eine erhöhte Achtsamkeit ist gefragt

So unterschiedlich die Antworten im Einzelfall abhängig von der Person und Ist-Situation auf diese Frage auch sein mögen; ein Faktor ist für das Bewältigen der hinter ihr stehenden Herausforderungen unabdingbar: eine erhöhte Achtsamkeit beim Führen der eigenen Person sowie der Mitarbeiter -auch Mindful Leadership genannt.

„Mindfulness“, also Achtsamkeit, ist eine besondere Form der Konzentration, bei der man bewusst wahrnimmt, was im Moment ist und geschieht  und zwar ohne dies zunächst zu beurteilen. Ein Vordenker in diesem Bereich war Jon Kabat-Zinn, ein emeritierter Professor der University of Massachusetts Medical School in Worcester. Er entwickelte mit seinem Team in den 70er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts ein Trainingsprogramm namens „Mindfulness Based Stress Reduction“, um nachhaltig besser mit Stress und den Herausforderungen im beruflichen und privaten Leben umzugehen.

Das Führungsverhalten verschärft reflektieren

Im Zentrum des Programms steht eine Entwicklung der Selbststeuerungsfähigkeit durch eine erhöhte und sensiblere Wahrnehmung von sich selbst. Sie ermöglicht es, unbewusst wirkende Denk-, Fühl- und Verhaltensmuster in sich zu erkennen und bei Bedarf außer Kraft zu setzen – also eingeübte und antrainierte Reiz-Reaktionsmuster zu durchbrechen, denn: Durch diese Form des Bewusstseins-Managements vergeht zwischen dem jeweiligen externen Reiz und unserer Reaktion auf diesen eine kleine Zeitspanne. In ihr können wir unsere Antwort beziehungsweise Reaktion auf den Reiz bewusst wählen. Die achtsame Wahrnehmung dieses inneren Prozesses ermöglicht es somit, unser Empfinden und Verhalten zu steuern.

Dies ist gerade in Krisen- und Marktumbruchsituationen wie den aktuellen beim Führen von Mitarbeitern extrem wichtig, denn in ihnen sind auch diese oft hochgradig verunsichert und teils auch beruflich und privat extrem belastet. Deshalb achten sie auch stärker als in normalen Zeiten auf die Reaktionen, das Verhalten und die Aussagen ihrer Führungskräfte und versuchen hieraus, Antworten auf solche Fragen abzuleiten wie: Wie sicher ist mein Arbeitsplatz? Wie viel Vertrauen schenkt mir mein Chef noch? Wie loyal ist er uns gegenüber, seinen Mitarbeitern?

Sich der Wirkungen des Verhaltens bewusst sein

Deshalb kann ein Verhalten, das in normalen Zeiten durchaus zielführend und angemessen ist, in Krisen- und Marktumbruchsituationen extrem negative Wirkungen haben. Also müssen Führungskräfte in ihnen ihr Verhalten verschärft reflektieren und gegebenenfalls neu justieren. Allein fällt dies Führungskräften gerade in Zeiten, in denen selbst unter Druck stehen, oft schwer. Deshalb sollten Unternehmen gerade dann erwägen, ihren Führungskräften einen Coach als Sparringpartner zur Seite zu stellen.

Unabhängig von der aktuellen Ist-Situation bietet ein Steigern der Achtsamkeit ihrer Führungskräfte Unternehmen jedoch vielversprechende Möglichkeiten. Untersuchungen zeigen: Durch ein Mindful Leadership können Führungsaufgaben authentischer und erfolgreicher wahrgenommen werden.

Ein wenig selbst-reflektives und sich seiner negativen (Neben-)Wirkungen nicht bewusstes Führungsverhalten verursacht für Unternehmen oft hohe Kosten. Studien belegen unter anderem seinen negativen Einfluss auf die Zufriedenheit der Mitarbeiter, deren Produktivität sowie Fehlzeiten und Fluktuation.

Mindful Leadership hat viele positive Effekte

Durch ein achtsamkeit-basiertes Leadership-Programm können hingegen bezogen auf die Führungskräfte folgende positiven Wirkungen erzielt werden:

  1. Konzentrationsfähigkeit und Kreativität steigen,
  2. Aufbau nachhaltiger Stressbewältigungsstrategien,
  3. verbesserte Selbst- und Fremdwahrnehmung,
  4. Ausbau wichtiger Führungskompetenzen (wie Empathie, Emotionale Intelligenz, Entscheidungsfähigkeit),
  5. flexiblerer Umgang mit (neuen) Herausforderungen, höhere Changekompetenz.

Hieraus resultieren wiederum für die Unternehmen  folgende positiven Effekte:

  1. höhere Produktivität aufgrund effektiverer Führungsarbeit,
  2. höhere Motivation und Zufriedenheit im Team,
  3. weniger krankheitsbedingte Fehltage,
  4. qualitativ höherwertige (Projekt-)Arbeit durch ein vernetzteres Denken und Handeln,
  5. höhere Arbeitsidentifikation aufgrund eines mitarbeiterorientierten Betriebsklimas.

Durch ein Mindful Leadership-Programm kann folglich nicht nur das Stresslevel der Führungskräfte gesenkt, sondern auch der Unternehmenserfolg gesteigert werden – auch weil eine erhöhte Mindfulness es den Führungskräften ermöglicht, herausfordernde Situationen neu wahrzunehmen und (mit ihren Mitarbeitern) kreativere Problemlösungen zu finden.

Die Kompetenz zu Selbstführung trainieren

Die Basis für eine achtsame Führung ist eine bewusste Selbstführung. So kennen achtsame Führungskräfte zum Beispiel ihre Werte, Einstellungen und Motive. Deshalb wissen sie auch, warum sie gerade in Stress-Situationen zu gewissen Reaktionen neigen. Also können sie auch ihr Verhalten steuern.

Das dahinter stehende „Selbst-Bewusstsein“ fällt nicht vom Himmel. Es erfordert vielmehr Zeit, der Bereitschaft, sich zu verändern beziehungsweise zu entwickeln sowie ein regelmäßiges Üben. Für Führungskräfte bedeutet dies konkret: Sie sollten zum Beispiel täglich circa 20 Minuten in sich und ihre Entwicklung investieren und die eigene Achtsamkeit beispielsweise durch Meditation trainieren – gerade in Zeiten wie den aktuellen.

Dieser Beitrag ist erschienen in: versicherungsmagazin.de, 4. August 2020

 

Rainer Paszek ist für das ICO als Berater, Trainer, Coach und Mediator mit den Schwerpunkten Führungstrainings, Achtsamkeit, Konfliktmanagement, Teamentwicklung und Teamcoaching, Coaching in Krisen- und Übergangssituationen seit vielen Jahren in Profit- und Non-Profit-Organisationen tätig.

 

 

 

 

Machtworte – ein Beitrag von Theresia Volk

Einfach nicht mitmachen bei all den Machtspielchen? Um im eigenen Arbeitsfeld wirksam zu werden ist es unabdingbar, Macht zu analysieren und Machtkompetenz aufzubauen. Wie das seriös gelingen kann, beschreibt Theresia Volk in ihrem Beitrag.

  • „Es geht immer nur um Macht. Mit meinen inhaltlichen Anliegen dringe ich gar nicht mehr durch.“
  • „Diese Machtkämpfe verhindern jede Entwicklung, die setzen noch das Überleben der Einrichtung aufs Spiel.“
  • „Es ist absurd, was da jetzt als Kompromiss ausgehandelt wurde, bar jeder Vernunft.“
  • „Da müsste mal jemand ein Machtwort sprechen. So kann es nicht weitergehen.“
  • „Ich weiß wirklich nicht, wie der es geschafft hat, an diese Position zu kommen – mit Sachkenntnis jedenfalls nicht.“
  • „Ich sehe gar nicht ein, warum ich hier wieder den Kürzeren ziehen soll. Dieses Mal nicht!“
  • „Ober sticht Unter.“
  • „Wenn du dich immer brav an die Regeln hältst, kannst du vielleicht mitspielen, aber du wirst nie als Gewinnerin vom Feld gehen.“
  • ,Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles“, sagt schon Rilke.“
  • „Eigentlich will ich gar nicht mitmachen bei diesen Machtspielchen.“
  • „Als Beraterin bin ich da eh außen vor.“
  • „Wenn du dich da mal nicht täuschst!“

Beziehung vor Sache: Ein Paradigmenwechsel

Die Regelwelt, an die wir im Kontext von Arbeitswelt, Beruf und Unternehmen denken, ist die der Sachlogik. Unternehmen – zumal im privatwirtschaftlichen Sektor – gelten nach wie vor als Hort der Rationalität, in denen zählt, was funktioniert, und in denen die Grundrechenarten die verlässliche Basis aller Entscheidungen sind. Menschliches, Emotionales und andere Irrationalitäten sind etwas fürs private Glück oder Leid. Im Büro hat die Objektivität Priorität.

Nach wie vor hält sich der Irrglaube, dass das sachlich bessere Argument auch das ausschlaggebende sein müsse. Und dass ein Fehler vorliege, wenn das bessere Argument nicht zieht. Was aber verhältnismäßig häufig vorkommt. So sind die Beschwerden laut, wenn ganz offensichtlich eine andere Ebene, eine nicht-sachliche, zum Vorschein kommt: „Macht“.

Dieser Einsatz für seine persönlichen (unsachlichen) Interessen ist keineswegs eine Ausnahme, sondern die Regel. Das hat Gründe. Dass und wie diese Ebene konkret funktioniert, wird wenig thematisiert und beleuchtet. Der Ärger stößt immer wieder auf, aber die Reflexion darüber oder gar ein kundiger und selbstbewusster Umgang mit der Macht und den Macht-„Habern“ ist selten. Meist wird auf den vorhandenen Instinkt verwiesen, den man und frau habe oder eben nicht. Oder es ist die Rede von fiesen Machenschaften am Rande der Legalität, die gestoppt werden müssten, und auf die sich niemand, der seriös arbeitet und auf ethische Integrität Wert legt, einlassen darf. Dass selten nüchtern (sachlich!) über Macht und ihre Hintergründe, ihre Funktionsweise gesprochen wird, ist selbst schon ein machtpolitisches Phänomen und hat vielerlei Gründe, wie sich zeigen wird.

Einer davon ist: Machtpolitik wird gelebt, aber nicht gelehrt; gelehrt wird ausschließlich Fachwissen. Jede Ausbildung, jedes Studium, jeder Berufseinstieg beginnt mit der Vermittlung der fachlichen, der professionellen Kenntnisse und Fertigkeiten. Wie versorge ich eine Wunde medizinisch korrekt? Wie programmiere ich eine fehlerfreie Software für einen Rasenmäher? Wie unterrichte ich didaktisch fundiert eine Fremdsprache? Wie fälle ich sicher einen Baum?

Das ist die erste Logik, auf die wir uns in der Arbeitswelt beziehen; und es scheint, sie bleibt lange prägend. Auf dieser ersten Ebene geht es darum, Sachen zu fertigen und Lösungen zu entwickeln. Hier zählen die beste Idee, die funktioniert, und das notwendige Know-how, sie zu entwerfen und zu bauen. Hierauf zielt die weitverbreitete Sehnsucht unter Beschäftigten, wenn sie einfach nur in Ruhe arbeiten wollen. Der Lohn der Mühe sind ein konkretes Ergebnis und die Erfahrung von Wirksamkeit.

Die zweite Lektion, die gelernt und gelehrt wird, führt weg von der einfachen Arbeitsebene – und sei diese noch so anspruchsvoll – hin zur Koordination derselben. Auf dieser Ebene wird Komplexität gemanagt, werden Prozesse gesteuert, synchronisiert, standardisiert oder überhaupt erst einmal definiert. (Multi-)Projekte werden aufgesetzt, Roadmaps angelegt und nachgehalten. Hier tauchen die ersten und bekannten Dilemmata auf, die nicht mit dem erworbenen Fachwissen der ersten Ebene gelöst werden können: zwischen Qualität und Kosten, zwischen Deadline und Änderungsanforderung, zwischen Erwartungs-, Informations- und Kontrollmanagement.

Interessen sind grund-legend

Der entscheidende Paradigmenwechsel führt nun aber zu einer weiteren, nämlich zur politischen, zur machtpolitischen Ebene: Es geht darum, Menschen zu überzeugen, Macht und Machtspiele zu gewinnen, sich und seine Ideen gegen Konkurrenz durchzusetzen.

Hier beginnt der Bereich der Interessen, der Bedürfnisse und Ängste von Menschen. Der wird nicht gelehrt, sondern erfahren. Oft als störend, als notwendiges Übel – als etwas Uneigentliches. Es ist erstaunlich, wie selbst erfahrene Führungskräfte diese machtpolitische Dimension im alltäglichen Business erstens immer wieder übersehen, zweitens lange versuchen, sie zu ignorieren oder drittens sie zu verharmlosen: als das störende „Zwischenmenschliche“, welches die Sache, das Eigentliche, immer mal wieder ins Stocken bringt. Auch die Rede von den Macht-Spielen, die da gespielt werden, verweist auf den Bereich des Unernstes, der unangemessen sei für seriöses Arbeiten.

Faktisch dürfen wir diese Ebene nicht nur nicht vergessen oder verniedlichen, sondern müssen das Ranking komplett umdrehen. Die Berufswelt steht mitnichten auf dem Sachfundament, sondern ihre Basis ist die soziale Ebene, auf der Menschen sich überzeugen, gewinnen, verführen und losschicken lassen, etwas zu tun oder zu erlauben. Dort, wo Macht über Menschen und der Einfluss auf sie die Motoren und Gestaltungsgrößen sind. Macht verstehe ich hier in einem ganz allgemeinen Sinn als „das Hervorbringen beabsichtigter Wirkungen“, wie Bertrand Russell treffend formulierte („power may be defined as the production of intended effects“ (Russell, 1938/1947, S. 32).

Das Buch „Spielen, um zu gewinnen“ handelt von der Macht über Menschen, wohlwissend, dass die Macht über die Materie durch die enormen Schritte in Wissenschaft und Technik die moderne Gesellschaft erst zu dem gemacht hat, was sie ist – und sie natürlich noch weiter prägen und verändern wird. Die Macht aber, derer es bedarf, um Menschen zu bewegen, zu inspirieren, zu begrenzen, ist von anderer Art; sie führt auf die Ebene der persönlichen Interessen. Und diese sind grundlegend. Sie legen den Grund für alles Weitere, was in der Arbeitswelt passiert.

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Auszug aus: Spielen, um zu gewinnen: Macht und Wirksamkeit in Organisationen (Beraten in der Arbeitswelt)

Theresia Volk berät Top-Manager aus ersten Adressen in Industrie und Dienstleistung. Als persönliche Beraterin, Workshop-Leiterin und konzeptionelle Ideengeberin begleitet sie Personen und Unternehmen bei ihren Entscheidungs- und Entwicklungsprozessen. Mehr als die Hälfte der Dax-Unternehmen gehört zu ihrem Kundenkreis, Beratungsorganisationen ebenso wie innovative Mittelständler. Auf Augenhöhe mit Entscheidern stärkt sie deren strategische und persönliche Wirkungskraft. Als Autorin und Rednerin setzt sie nachhaltige Impulse in aktuellen Fragen der Arbeitswelt. 2011 war sie nominiert für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis.

 

 

 

 

 

 

 

 

Coaching online lernen? Funktioniert das?

Wir haben die Erfahrung gemacht — JA. Vom Input bis zu kurzen moderierten Aktivitäten oder Gruppenarbeiten — alles ist machbar. Der Beziehungsaspekt kommt dabei nie zu kurz. In virtuellen Breakout-Sessions üben Sie Coachingtools und diskutieren mit anderen Teilnehmer*innen in der Gruppenarbeit. Und dann kann es eben auch virtuell zu diesen Momenten kommen, wo Teilnehmer*innen ins Nachdenken kommen, eine neue Sichtweise generieren — und Veränderung möglich wird.

Das Live-Online-Seminar »Systemisches Coaching kompakt« vom 27.-29. Juli 2020 bietet eine hervorragende Möglichkeit, systemische Coachingkompetenzen zu erwerben und zu trainieren. Sie lernen grundlegende Coaching-Tools kennen, die Sie direkt in Ihrer beruflichen Praxis einsetzen können. Neben theoretischen Inputs liegt der Schwerpunkt auf aktivem Üben der Methoden an Fällen aus der Praxis.

Im Gespräch: Interview mit Prof. Dr. Andreas Bergknapp zur Corona-Krise

Wie kann man die aktuelle Corona-Krise aus einer systemtheoretischen Perspektive interpretieren?

Die Systemtheorie geht von der zentralen Prämisse aus, dass lebende Systeme nicht deterministisch steuerbar sind und erteilt dem einfachen Ursache-Wirkungs-Denken, das wir im Alltag so gerne verwenden, eine klare Absage. Die aktuelle Krise ist ein eindrucksvoller Beleg für diese theoretische Annahme: Die Folgen der Entscheidungen sind nicht absehbar. Isoliert betrachtet könnte zwar das Virus durch entsprechende lange, weltweite Quarantäne ausgerottet werden. Dies ist aber nicht lange genug durchzuhalten, weil psychische, soziale und wirtschaftliche Folgen nicht vertretbar wären. Die Entscheider tappen somit im Systemdunkel und können nur versuchen, unterschiedliche Systemdynamiken auszubalancieren. Letztendlich wird nach der Methode Versuch und Irrtum vorgegangen.

 

Also Trial and Error?! Welche Beobachtungen machen Sie bei diesen Versuchen, die richtigen Entscheidungen zu treffen?

Vor der Krise war der Managementdiskurs geprägt von Agilität und selbstorganisierten Teams. Eine starke Führung oder hierarchische Strukturen galten als überholt und altmodisch. In Krisensituationen hingegen ertönt wieder der Ruf nach starken Führungspersönlichkeiten. Und diese treten nun in Form von Frau Merkel, Herrn Söder oder den Virologen, die mehr in Talkshows als in Laboren zu sein scheinen, in Erscheinung und erfahren eine hohe Akzeptanz bei der Bevölkerung. Es zeigen sich zwar auch Initiativen, die stärker dem Paradigma der Selbstorganisation zuzuordnen sind — beispielsweise Hackatons. Diesen mangelt es aber an Entscheidungsmacht, um nachhaltig wirken zu können. Während das Krisenmanagement bei uns recht gut zu funktionieren scheint, zeigt ein Blick in die USA, welche fatalen Auswirkungen es haben kann, wenn die falschen Menschen in derartigen Situationen Entscheidungen (nicht) treffen.

 

Wechseln wir von der gesellschaftlichen Ebene zu den Menschen, die von der Krise schwer getroffen sind, weil ihre berufliche Existenz gefährdet ist. Kann in diesen Fällen ein Blick auf die Chancen, die in jeder Krise stecken, helfen?

Wenn Sie einem Menschen, der sich in einer akuten Krise befindet, sagen, dass er sich doch auf das Positive konzentrieren soll, dann vermitteln Sie ihm die Botschaft: ‚Ist doch alles gar nicht so schlimm, es gibt auch positive Seiten‘. Auch wenn dem so ist, fühlt sich diese Person in diesem Moment noch schlechter, weil sie sich zum einen nicht verstanden fühlt und zum anderen aktuell einfach nicht in der Lage ist, die Dinge positiv zu sehen. Dazu ist sie zu sehr in ihren kognitiven und emotionalen Mustern gefangen.

 

Was kann man dann tun?

Zunächst geht es darum die Situation so zu akzeptieren, wie sie ist. Bei der Verarbeitung von Krisen kommt es (meist) zu unterschiedlichen Phasen, in denen man die Krise leugnet, dagegen ankämpft oder aber resigniert und sich niedergeschlagen fühlt. Dem Annehmen der Situation steht meist die Forderung entgegen, dass die Welt so sein muss, dass es mir jederzeit gut geht. Leider kümmert sich die Welt nicht darum, sondern es passieren viele gegenteilige Dinge. Die entscheidende Frage ist, wie gehen wir mit diesen widrigen Situationen um.

 

Und wie können wir Krisen besser akzeptieren?

Die Akzeptanz hängt wesentlich von unseren inneren Selbstgesprächen ab: Wenn ich mir sage: ‚Oh Gott, wie furchtbar, das ist eine absolute Katastrophe! Ich halte es nicht aus, wenn ich mein Geschäft aufgeben muss!‘, dann werde ich mich auch entsprechend fühlen und meine Handlungsmöglichkeiten werden stark eingeschränkt sein. Wenn ich mir stattdessen sage ‚verdammter Mist‘, dann akzeptiere ich, dass es sich um eine unangenehme Situation handelt. Da gibt es nichts schönzureden: Die Situation ist vielleicht sogar höchst unangenehm. Aber wenn ich das akzeptiere, dann fühle ich mich nicht von einer Katastrophe überwältigt und bin nicht gelähmt, sondern ich kann mir Gedanken machen, wie ich diese Situation ändern kann. Und sollten diese ersten Änderungsversuche nicht den gewünschten Erfolg haben, dann ist das auch keine Katastrophe, sondern bleibt eine unangenehme Situation, die eben aktuell noch nicht verbessert werden konnte.

 

Das hört sich zwar plausibel, aber auch sehr herausfordernd, wenn nicht gar überfordernd für jemanden an, der in einer akuten Krise steckt.

Das stimmt! Die eben skizzierte ‚Verdammter-Mist-Methode‘ stammt aus dem psychotherapeutischen Ansatz von Albert Ellis und es ist nicht so einfach — gerade in Krisensituationen — die gewohnten Denkmuster allein zu ändern. Für die Betroffenen ist es wichtig mit jemanden reden zu können, der wirklich da ist und die Not versteht, mit diesem Verstehen kommt es zu einer ersten Entlastung. Hilfreich ist es, wenn dieser Gesprächspartner ein krisenerfahrener Coach, Supervisor oder Therapeut ist. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass die Betroffenen ihre aktuelle Situation akzeptieren, eigene Ressourcen und Ressourcen im Umfeld entdecken, die sie nutzen können. Kurz: Es bieten sich wieder mehrere Handlungsmöglichkeiten, die vorher nicht gesehen werden konnten.

 

Vielen Dank für das Interview!

 

 

 

Webinar »Professionell online Coachen — wie geht das?«

Auf riesige Resonanz ist das Webinar »Professionell online Coachen — wie geht das?« gestoßen. In den Worten einer der 100 Teilnehmer: »Der Inhalt war genau auf den Punkt und Iris Komarek ist einfach toll. Ich habe viel für mich mitgenommen und vor allem, dass Online Coachen gar nicht unbedingt eine »Notlösung« sein muss.«

Danke, liebe Iris Komarek! Und allen Teilnehmer*innen viel Erfolg & Freude beim Umsetzen & »Machen«!

Systemische Perspektiven auf die Krise & die Zeit danach

Das ewiggleiche Mantra: Die Krise als Chance

Aus einer systemisch-konstruktivistischen Sicht überrascht es nicht, dass wir aktuell ganz unterschiedliche Einschätzungen und Interpretationen der Corona-Krise hören und lesen.
Nicht selten wird das Mantra der Chance, die in der Krise liegt, bemüht: Wir haben nun die Möglichkeit innezuhalten, uns zu besinnen auf die wahren Werte, auf unsere solidarische Gemeinschaft und haben endlich Zeit für unsere Familie. Manager fliegen nicht mehr für ein Meeting um die halbe Welt, sondern nutzen die vielfältigen Online-Möglichkeiten. Vielleicht findet auch ein Umdenken in unserer, auf permanentes Wachstum getrimmten Wirtschaft statt, weil die Erkenntnis reift, dass es so nicht weitergehen kann.
Selbstständige, die nicht wissen, wie sie die nächsten Wochen finanziell überstehen sollen, Unternehmer, deren Firmen kurz vor der Insolvenz stehen, Alleinerziehende im Homeoffice, die ihre Kinder bei Laune halten sollen, während sie um ihren Arbeitsplatz fürchten und bedürftige Familien, die auf soziale Dienste verzichten müssen, werden diesen positiven Rahmungen der Krise aber wenig abgewinnen können – ganz im Gegenteil. Es steht viel auf dem Spiel und Gefühle der Ohnmacht, Wut und Angst werden sich zunehmend ihren Raum nehmen.
All diese Einschätzungen haben ihre Berechtigung, denn jede Beobachtung wird von einem Beobachter gemacht, der seine Gründe hat, die Welt so und nicht anders zu sehen.

Verschwörungstheorien & Aluhüte

Am Rande der Arena der Bedeutungszuschreibungen tummeln sich Verschwörungstheoretiker, die endlich mal wieder einen interessanten Referenzpunkt haben. Einige scheuen auch nicht davor zurück, das Virus zu anthropomorphisieren: So wird in einem kursierenden Video dem Virus eine Stimme gegeben und das Virus prangert die Verdorbenheit der Menschen an. Das Virus meint es nur gut und will den Menschen aufzeigen, dass sie so nicht weiterleben können: Das Ziel sei eine bessere Welt. Derartige Deutungsangebote erinnern schon sehr an die religiöse Betrachtungsweise der Pest im Mittelalter als Geisel Gottes. Somit ist diese Sicht auch menschlich, wenn auch ein wenig aus der Zeit gefallen.
In den aktuellen politischen Zeitgeist passen jedoch die Bestrebungen einiger Autokraten, die Corona-Krise zum Ausbau ihrer Macht zu missbrauchen. Strukturell birgt die aktuelle Krise die Gefahr, dass freiheitlich-demokratische Strukturen außer Kraft gesetzt werden und einzelne Krisenmanager die Angst der Bevölkerung zum eigenen Machtausbau nutzen. Das kollektive Bedürfnis nach starker Führung ist nie größer als in einer Krise. Auch ökonomisch versuchen einige findige Unternehmer aus der Krise Profit zu schlagen und verkaufen Schutzmasken mit 3000 Prozent Aufschlag. Diesen Phänomenen stehen natürlich zahlreiche positive und ermutigende Beispiel gegenüber: Junge Menschen kaufen für ältere Menschen ein, die Politik beschließt in Windeseile immense Soforthilfen, in Hackathons entstehen kreative Ideen und zahlreiche Dienstleistungen werden online angeboten. Schon diese verkürzte Bestandsaufnahme, die sich noch gar nicht mit dem immensen Bedeutungszuwachs von Klopapier in der deutschen Kultur beschäftigt hat, zeigt eine enorme Bandbreite an Interpretationen und Handlungsmöglichkeiten, die sich aktuell ergeben.

Perspektiven – eine subjektive Auswahl:

Wir haben im Folgenden einige – aus unserer Sicht – interessante Perspektiven auf die Krise und vor allem auf die Zeit nach der Krise zusammengestellt. Aber auch diese Auswahl ist eine Konstruktion und unsere Absicht ist eine positive Irritation. Ob dies gelingt, könnt nur ihr als Leser entscheiden.
  • Eine Analyse der Gefahren und Chancen und ein Plädoyer für mehr Solidarität bietet das Interview des Bestsellerautors Yuval Harari.
  • Das ‚Von-Vorne-Szenario‘ des Zukunftsforschers Matthias Horx ist wohl einer der meistgelesenen und -geteilten Texte der letzten Wochen. Hoffen wir hier mal auf die Kraft der sich-selbst-erfüllenden Prophezeihung. Seine Methode der Re-Gnose ist für Systemiker auch insofern interessant, weil sie im Prinzip wie die Wunderfrage von Steve de Shazer funktioniert.
  •  Nicht ganz so optimistisch schätzt die Philosophin Lisz Hirn die aktuelle Situation ein. Sie akzentuiert etwas mehr die Gefahren, die mit der Krise verbunden sein können. Auch diese Perspektive soll hier einen Raum haben.